Didaktik der Plattform
Angesichts der Erderwärmung und der steigenden Anzahl von Extremwetterereignissen ist Nachhaltigkeit als zukünftiges Lebenskonzept unserer Zeit in aller Munde. Nachhaltigkeit soll für den langfristigen Erhalt unseres Habitats sorgen und dazu führen, sozioökonomische Ungleichheiten abzubauen sowie der gesamten Weltbevölkerung Frieden und Wohlstand zu ermöglichen. Sie wird im Sinne der 17 Nachhaltigkeitsziele (SDGs) der Vereinten Nationen (UN) in der Gesellschaft durch einen in 2017 auf höchster Ebene beschlossenen nationalen Aktionsplan für die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) manifestiert.
Besondere Aufmerksamkeit wird in diesem Zusammenhang dem Klimawandel zuteil, ausgehend von Greta Thunbergs Engagement und der daraus resultierenden Gründung von Fridays for Future. Jene globale Initiative ist inzwischen zu einer gesamtgesellschaftlichen Reformbewegung avanciert und denkt weit über das Klima hinaus. Eng verwoben mit dem Klimawandel ist der Verlust der weltweiten Biodiversität – an Land und im Meer. Deren Erhalt wird vermehrt als einschneidende Aufgabe verstanden, zumal das Artensterben irreversibel ist und eine Wiederherstellung des komplexen Ökosystems nicht möglich wäre. Die Kosten – und dazu gehören explizit auch nicht-messbare, emotionalen Wunden, also der worst case – sind kaum abschätzbar. Angesichts dieser Desillusion und den daraus folgenden Herausforderungen antwortet “The Blue Planet” vor dem Hintergrund der hohen Nachfrage nach praktikablen Lehr- und Lernkonzepten mit einer innovativen Didaktik. Diese soll Schüler:innen für das Thema “Artenschutz” sensibilisieren und eigenes Engagement motivieren.
Didaktische Exemplarität: Artenschutz
BNE orientiert sich an den 17 SDGs der UN. Diese gehen weit über den Klimawandel und den Erhalt der Biodiversität (die sogenannten „Umwelt-SDGs“ 13-15) hinaus. Vielmehr stellen sie einen holistischen Ansatz zur Gestaltung der Zukunft des Planeten dar, was auch sozioökonomische Aspekte beinhaltet, frei nach der Frage: “Wie wollen WIR ALLE in der Zukunft leben?” Das Thema Biodiversität und Artenschutz eignet sich als exemplarischer Zugang zum Thema SDGs, weil einerseits der Verbund jener Umwelt-SDGs lebensweltnah ermöglicht wird. Andererseits lassen sich auch die meisten anderen SDGs hierunter subsumieren. Als Beispiele seien SDG 2 (Kein Hunger) oder SDG 3 (Gesundheit und Wohlergehen) genannt, weil der Erhalt der Biodiversität selbstverständlich eng mit unserer eigenen Existenz verbunden ist und diese beiden SDGs alleine folglich nie erreichbar wären. Schließlich sind wir ein kleines Bruchstück dieses Mosaiks, was auch durch den One Health-Ansatz “Mensch – Tier – Natur ” unterstrichen wird.
Die Lernplattform unterteilt das Thema Artenschutz in 6 Themenfelder, um sich so dem gesamten Komplex zu nähern (siehe Themenübersicht). Das einführende Themenfeld 1 behandelt die Grundbegrifflichkeiten “Art” und “Ökosystem”. Die weiteren Themenfelder vertiefen den Schwerpunkt “Artenschutz” in den Bereichen bedrohte Arten, Ursachen des Artensterbens (Bedrohungskonstellationen), Argumente des Artenschutzes, Akteure und Maßnahmen. Die Themenfelder können modular und unabhängig voneinander im Regel- sowie im projektbasierten Unterricht eingesetzt werden. Der Lehrkraft kommt dahingehend eine zentrale und sehr aktive Rolle zu, die Lerngruppe und deren jeweilige Stärken und Interessen einzuschätzen und zu entscheiden, wie die Lehrmaterialien im konkreten Kontext angewandt werden. Die Plattform ermöglicht es Lernenden, die Themenfelder selbst mithilfe eines Endgerätes abzurufen und zu bearbeiten. Dies beinhaltet auch eine Reihe von digitalen Spielen, um Wissen zu vertiefen. Damit werden die Vorzüge der digitalen Pädagogik aktiv eingearbeitet. Andererseits können die Materialien auch ausgedruckt und für die Lernenden kopiert werden, sofern der Anlass dies erfordert.
Die Lernziele können in Abhängigkeit zum Lernkontext stark variieren. Explizit sei genannt, dass es sich bei den Lernaufgaben innerhalb der Themenfelder lediglich um Aufgabenvorschläge handelt. Auch hier kann die Lehrkraft selbstverständlich frei nach eigenem Ermessen entscheiden, ob diese adaptiert werden sollen oder ob lediglich die Originaltexte als Grundlage für den Unterricht und eigene Ideen dienen. Das betrifft insbesondere die mehrsprachige Umsetzung, die nachfolgend noch genauer thematisiert wird.
Transcurricularer Ansatz
Im Projekt “The Blue Planet” hat ein Verbund der Didaktiken des Englischen, der Sozialwissenschaften sowie der Biologie kooperiert und damit den fremdsprachlichen, sozialwissenschaftlichen und den naturwissenschaftlichen Unterricht vereint. Jener Ansatz ist insofern innovativ, da Fächergrenzen nicht nur im Sinne einer BNE, sondern auch darüber hinaus in Frage gestellt werden müssen, wenn wir an einen zeitgemäßen Unterricht denken. Unterricht, der die Genese sogenannter „ 21st century skills“ als Anbahnung einer erfolgreichen BNE vorsieht, ist vor allem überfachlich und problembasiert. Es bedarf an erster Stelle, im Sinne einer solchen problemorientierten Didaktik, Faktenwissen aus den Naturwissenschaften, um über den Zustand des Planeten informiert zu sein. Darüber hinaus ergibt sich die Frage, wie sowohl die Politik als auch jede:r Einzelne reagieren soll bzw. welche Konsequenzen sich aus politischen und individuellen Entscheidungen ableiten. Letztendlich kennt der Erhalt der Biodiversität keine Grenzen. Und das betrifft insbesondere auch die Sprachen des globalen Diskurses, weswegen Mehrsprachigkeit im Sinne einer transnationalen Demokratie aktiv gefördert wird.
Mehrsprachigkeit als entscheidende Zielvorstellung
Nicht umsonst postulierte der Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein einst: „Die Grenzen meiner Sprachen bedeuten die Grenzen meiner Welt“. Dementsprechend orientiert sich “The Blue Planet” an den Errungenschaften der Mehrsprachigkeitsdidaktik: In Zeiten einer superdiversen Gesellschaft stellt Mehrsprachigkeit die Norm und nicht mehr eine Ausnahme dar. Im globalen Raum finden globale Nachhaltigkeitsdiskurse zumeist in der Lingua franca Englisch statt, weswegen die Beherrschung jener Sprache inzwischen als unerlässlich angesehen wird. Auf lokaler oder nationaler Ebene finden jene Diskurse jedoch zumeist in den Umgebungssprachen statt. Eine sprachliche Ausstaffierung ermöglicht damit vielen Menschen den Zugang zu Diskursen und hilft, auf lokaler Ebene unter Einbezug aller Stakeholder aktiv zu werden.
Mehrsprachigkeit wird hier explizit als Chance hinsichtlich einer Festigung der transnationalen Demokratie verstanden. Die Lehrmaterialien von “The Blue Planet” beinhalten daher Aufgabenvorschläge mit Sprachwechseln („ code-switching“), die einerseits den Fremdsprachenerwerb im Englischen unterstützen sollen. Andererseits werden die Lernenden darin gefördert, sich auch innerhalb der deutschen Sprache im Themenbereich sicher zu bewegen. Die Aufgabenvorschläge enthalten des Öfteren auch einen ressourcenorientierten Rückbezug zu weiteren Erstsprachen der Lernenden, die Deutsch als Zweitsprache sprechen. Zu guter Letzt stehen alle Materialien zugleich in Deutsch als auch in Englisch zur Verfügung und können den Lernenden parallel angeboten werden, sofern Mehrsprachigkeit als Zielvorstellung des Unterrichts gilt. Wir empfehlen dabei, Schüler:innen den Zugang zu einem Online-Wörterbuch zu ermöglichen, um die eigene Sprachlernkompetenz begleitend zu fördern. Angemerkt sei aber, dass der Unterricht auch „ nur auf Deutsch“ durchgeführt bzw. variiert werden kann, wenn die Lernziele dies vorsehen.
Die sprachdidaktischen Vorschläge zum code-switching innerhalb der Aufgaben stellen nur Anregungen dar, sofern eine mehrsprachige Durchführung erwünscht ist. Dies ermuntern wir nachdrücklich. Die Aufgaben folgen einer bestimmten Logik der Mehrsprachigkeitsdidaktik, die in lokalen Kontexten stets variiert werden kann und sollte. Der letzte Abschnitt dieser Einführung enthält allgemeine Hinweise zu neuen Modellen der Mehrsprachigkeitsdidaktik. Wir empfehlen die entsprechende Lektüre als Teil der Unterrichtsvorbereitung. Allgemein gilt, je häufiger die Sprachwechsel, desto komplexer ist der Lernprozess, was wiederum ein probates Mittel der Differenzierung ist. Im Idealfall besitzen die Lernenden die freie Sprachwahl. Dies ist teils für die Aufgaben von “The Blue Planet” vorgesehen. Insbesondere betrifft dies die Arbeit in Kleingruppen, wenn z.B. alle Lernenden dieselbe Erstsprache beherrschen. Hierbei ist allerdings darauf zu achten, dass keine ‚Geheimgespräche‘ geführt werden, die andere Lernende ggf. ausschließen. Die Lernenden werden idealerweise zu Sprachwechseln motiviert und sollen sich keinesfalls genieren, ihre Erstsprachen zu nutzen. Vielmehr sollte in Einklang mit Wittgensteins Postulat dargestellt werden, dass die Beherrschung weiterer Sprachen eine große Ressource darstellt, die auch für die eigene Erwerbsbiografie einen immensen Mehrwert in einer globalisierten Welt bietet. Im Plenum sollte darauf geachtet werden, dass eine der gemeinsamen Sprachen (Deutsch oder Englisch als Fremdsprache) gesprochen wird. Die Lernenden können ihre Ergebnisse der Gruppenarbeitsphasen übersetzen oder vermitteln, sofern dies erwünscht ist. Es gilt: ‚Probieren geht über studieren‘. Die hier festgehaltenen Empfehlungen können keinesfalls die eigenen Erfahrungen mit dem Material und den vorgeschlagenen Mehrsprachigkeitsmethoden ersetzen.
Handlungskompetenz im Vordergrund
Problembewusstsein bzw. die sogenannte Awareness im Sinne einer eingeforderten, transformativen BNE ist immer ein erster Schritt zur Veränderung. Entsprechend steht im Vordergrund, selbst zu handeln (Handlungskompetenz). Damit aber Handlungen angemessen sind, bedarf es im Sinne des problembasierten Lernens eines Dreischritts aus Erkennen – Bewerten – Handeln. Diesem Muster folgen die Themenfelder von “The Blue Planet”. Die Lernenden werden dazu angeregt, aktiv und demokratisch Veränderungsprozesse mitzugestalten, eben auch durch die geförderte Mehrsprachigkeitskompetenz.
Aufbau der Lernplattform
Die Lernplattform ist so strukturiert, dass die 6 Themenfelder unabhängig voneinander bearbeitet werden können in Abhängigkeit zum Vorwissen, den (Sprach-)Fähigkeiten und Interessen der Lernenden. Auch eine arbeitsteilige Vorgehensweise innerhalb der Klasse ist möglich, sodass parallel verschiedene Themenfelder in Gruppen betrachtet werden können. Neben den Lehrmaterialien, die als PDFs zur Verfügung stehen, sind auch digitale Lernangebote vorgesehen – zumeist in der Form von Spielen oder Quizformaten (s. Spielübersicht). Diese greifen die Lerninhalte der Plattform zur Festigung und Vertiefung auf. Die Spielformate können dabei sowohl für die Einzelarbeit als auch für Gruppen- oder Plenumsphasen genutzt werden.
Praktisch umsetzbare mehrsprachige Methoden
Vorbemerkung: die Übersicht, hier minimal adaptiert, stammt aus:
Elsner, D., Engartner, T., Nijhawan, S., & Rodmann, N. (2019). Politik und Wirtschaft bilingual unterrichten. Wochenschau Verlag.
Angesichts neuer Realitäten in der Welt ist in Politik und Gesellschaft häufig die Empfehlung zu vernehmen, den modernen Unterricht mehrsprachig zu gestalten. Das lässt sich einerseits damit begründen, das Mehrsprachigkeit in unserer globalen Weltgesellschaft inzwischen mehr die Norm als die Ausnahme darstellt. Das gilt auch explizit für Länder wie Deutschland, die zwar nur eine offizielle Amtssprache kennen, sich aber einer gelebten mehrsprachigen Realität gegenüber sehen. Andererseits bieten mehrsprachige Unterrichtskonzepte das Potential, den Unterricht ressourcenorientiert zu gestalten. So führt der aktive Einbezug von Vorwissen der Lernenden zu nachhaltigerem Lernen. In der Praxis wird jedoch die Abwesenheit von mehrsprachigen Unterrichtsmethoden bemängelt, die sich effizient in den täglichen Unterricht integrieren lassen.
Die Lehrmaterialien von “The Blue Planet” folgen in ihrer Aufgabenlogik einem neueren Forschungsmodell zum mehrsprachigen Unterricht. Im Einzelnen wurden drei Mikromethoden mit zunehmender Komplexität angewandt, die hier ausführlich beschrieben werden. Die Darstellung soll dazu anregen, diese und auch eigene Variationen jenseits der Aufgabenvorschläge zu entwickeln und für den eigenen Unterricht zu erproben. L1 bezieht sich auf die Erstsprache der Lernenden (zumeist das Deutsche), während L2 für die zu erlernende Fremdsprache (hier das Englische) steht.
Um das Metabewusstsein der Lernenden zu fördern, ist es ratsam, diese Modelle vorab mit den Lernenden zu besprechen. Damit kann auch auch vor Augen geführt werden, dass diese Modelle keinesfalls theoretisch konstruiert sind, sondern in der Realität durchaus Anwendung finden. Die eine oder der andere Lernende hat dies sicher schon selbst erfahren. Bei anderen Lernenden mag zwar zuerst Erstaunen auftreten, jedoch zeigt die Erfahrung, dass diese ‚neuen sprachlichen Regeln‘ auch als ‚Spiel‘ aufgefasst werden können. Eine Reflexion dieser Sprachdidaktik im Plenum wird im Anschluss empfohlen, da dies zugleich die Sprachbewusstheit der Lernenden stärkt.
1. Phasenbasiertes Modell (schwacher bis mittlerer bilingualer Dynamismus):
Ein Sprachwechsel erfolgt von einer in die andere Unterrichtsphase (vgl. Abbildung 1). Während der einsprachigen Phasen können die Lernenden inhaltliche Grundkonzepte und die notwendigen sprachlichen Redemittel in beiden Sprachen kontrolliert erschließen und erhalten damit Sicherheit für die spätere zweisprachige Vertiefung des Unterrichtsgegenstandes. Begonnen werden kann nach Ermessen der Lehrkraft auch mit der L2 Englisch, wenn die Lerngruppe sich sicher fühlt, sich gerne in jener Sprache bewegt und zudem aufgrund ihrer sozialen Einstellungen bereit ist, schwächere Lernende während ihrer individuellen Lernprozesse zu begleiten. Dieses Modell bietet sich z.B. in Einführungsphasen an, zur Akquise von Wissen und sprachlichen Mitteln.
2.
Rollenbasiertes Modell (mittlerer bis hoher bilingualer Dynamismus):
Die Hälfte der Lernenden arbeitet in Gruppen in der L2 Englisch, die andere Hälfte in der L1 (Deutsch oder, wenn alle Mitglieder dieselbe Erstsprache haben, gerne in dieser). Um schwächere Lernende zu entlasten und zugleich das inhaltliche Niveau anzuheben, empfiehlt es sich, dass die stärksten und schwächsten Lernenden in der L1 beginnen. Die beiden mittelstarken Lernenden bewegen sich zuerst in der L2 und erhalten damit zugleich eine positive und eine lösbare Herausforderung. Nach einem Arbeitsauftrag bzw. Arbeitsschritt findet ein gleichzeitiger Sprachwechsel aller in die jeweils andere Sprache statt (vgl. Abbildung 2).
Die Spracharbeit steht in den Aushandlungsprozessen innerhalb dieser Phase jedoch nicht im Vordergrund – der Fokus wird ausschließlich auf den Inhalt gelegt, denn die Lernenden verhandeln und diskutieren über die Inhalte, und das mehrsprachig. Durch die Verwendung beider Sprachen werden fachsprachliche Begriffe jedoch rezeptiv bzw. produktiv in beiden Sprachen angewandt, ebenso erfolgt die Auseinandersetzung mit dem Unterrichtsgegenstand zweisprachig.
3. Modusbasiertes Modell (hoher bis sehr hoher bilingualer Dynamismus):
Die Lernenden sprechen in der einen und schreiben in der anderen Sprache. Sie erfahren dadurch individuell hochfrequentierte, produktive Sprachwechsel. Dieses Modell kann (optional nach Ermessen der Lehrkraft) von starken Lernenden entweder gemeinsam am Ende einer Unterrichtssequenz angewandt werden, aber auch in Kombination mit den beiden vorherigen Modellen, um die individuelle Herausforderung für sie weiter zu erhöhen. Hierfür sollte vorab jedoch die Methodenkompetenz trainiert werden, um möglichen Frustrationen während dieses anspruchsvollen Modells vorzubeugen. Entsprechende Aufgabenvorschläge wurden bei “The Blue Planet” teils integriert, sollten jedoch mit Bedacht und idealerweise auf freiwilliger Basis angewandt werden.